Dürfen Sie dass als Lehrerin

Seit 2 Tagen haben meine SchülerInnen nur einen Wunsch.  „Können wir eine aktuelle Stunde zum Thema Japan machen?“

Diesen Wunsch kann Ich nur zu gut verstehen, denn Ich sitze ja selbst seit Tagen fassungslos vor den Nachrichten und überlege, wie Ich die Ereignisse in Japan einordnen soll.   Wenn man mit Schülern spricht kommen aber immer wieder überraschende Fragen und Überlegungen.  Viele haben über Atomkraft und ihre Gefahren so gut wie kein Wissen und sind völlig überrascht und geschockt, welche Folgen so ein Unfall hat.

„Wie lange dauert es denn um den Reaktor nach einem SuperGAU zu reparieren?  Wochen oder Monate?“

„Macht denn die Strahlung schlimm krank und welche Medikamente helfen dann?“

„Wie wir haben in Deutschland auch Atomkraftwerke?  Aber da kann doch sowas nicht passieren?“

Manchmal frage Ich mich wie es sein kann, dass 16-22jährige Jugendliche so wenig Wissen haben können.  Wir hatten doch erst letztes Jahr und dieses Jahr heftige Auseinandersetzungen über den Ausstieg aus dem Ausstieg. Und als die vielen Erinnerungssendungen zu 20 Jahre Tschernobyl und der Film „Die Wolke“ gelaufen sind waren auch meine Schüler in einem Alter in dem sie es  mitbekommen haben könnten.  Klar interessiert sich nicht jeder für Politik, aber das Atomkraft umstritten ist und Radioaktivität schädlich habe Ich für Allgemeinwissen gehalten. Aber manche wissen offensichtlich nicht mal das Röntgenstrahlen in großen Dosen auch gefährlich sind.

Es gibt auch befremdliche Reaktionen:

„Können wir nicht ein paar Filme bei Youtube schauen wo die Häuser umfallen“

Mein Highlight war aber die Reaktion meiner Schüler als Sie mitbekommen haben, dass Ich gestern Abend zur Mahnwache gegen Atomkraft gegangen bin:

„Dürfen Sie das als Lehrerin überhaupt?  Ist das nicht verboten?  Was wenn die Polizei kommt?“

Und dann soll im nächsten Schuljahr der Politik Unterricht für viele Klassen auf maximal 1 Stunde in der Woche oder sogar ganz gestrichen werden 😦   , weil wir immer weniger Kollegen haben und keine neuen eingestellt werden.   Wie sollen denn so aus unseren Jugendlichen die immer geforderten „mündigen Bürger“ werden, wenn sie nicht mal mehr wissen, dass wir Meinungs,  Versammlungsfreiheit als Grundrechte haben und unsere Polizei eine genehmigte Demo „beschützt“ und nicht angreift.

Ach ja um mal wieder zum Thema Au-Pair zu schreiben. Unser AP ist gestern Abend begeistert mit zur Mahnwache gefahren. Sie wollte unbedingt sehen, wie Deutsche ihre Demokratie leben und war begeistert, dass wir diese Möglichkeiten haben.  Und auch unsere Kinder habe Ich mitgenommen.  In der Hoffnung, dass sie lernen, dass man manchmal auch nach außen für seine Überzeugung einstehen kann.  Wobei Ich ganz klar kein Fan davon bin die Kids mit Parolen zu schmücken. Denn sie können sich nicht aussuchen wofür sie „demonstrieren“. Eine Instrumentalisierung in dieser Richtung lehne ich ab.   Aber das Erleben von gelebter Demokratie kann meiner Meinung nach nicht schaden.

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10 Antworten to “Dürfen Sie dass als Lehrerin”

  1. Mamahoch3 Says:

    An welchem Schultyp unterrichtest Du denn?
    Ich kenne nur Grundschüler und Gymnasiasten und bin auch bei denen immer wieder erschrocken über deren Wissenslücken.
    Wobei Grundschüler natürlich bestimmte Dinge einfach noch nicht wissen KÖNNEN, aber immerhin neugierig sind, Fragen stellen, und sich für fast alles, was um sie herum vorgeht, interessieren.
    Bei vielen Gymnasiasten vermisse ich Neugier und Wissensdurst völlig, d.h. ES INTERESSIERT SIE EINFACH NICHT(S). Und das finde ich das eigentlich Erschreckende…
    Am Gym meiner Tochter wird übrigens „Unterricht as usual“ gemacht mit dem Hinweis auf G8 und Zeitmangel 😦 Lediglich die Religionslehrerin hat die Ereignisse in Japan thematisiert.

    • aupairfamilienrw Says:

      Ich bin an einer Beruflichen Schule. Wir haben vom Berufsgrundschuljahr bis zum Vollabitur mit fachlicher Ausrichtung alles hier. Die oben geschilderten Fälle sind fast alle aus dem Voll- oder Fachabi Bereich. Die Berufsschüler und BGler sind zwar fachlich viel schlechter, aber sie reagieren menschlicher und sind häufig wirklich an Informationen interessiert. Da liegt wirklich eher ein Problem darin sehr komplexe Zusammenhänge zu verstehen bzw. sie aus Zeitungsartiklen wirklich zu entnehmen. Auch hier merkt man leider immer wieder was mit Funktionalen Analphabeten gemeint ist 😦
      Ich bin Politiklehrerin und daher ist es für mich selbstverständlich mit meinen Schülern über solche Ereignisse zu sprechen. Das Einzige was Ich strikt ablehne ist das „einfach mal drüber reden“ um nur eine Stunde zu verlieren. Ich bringe in der Regel Zeitungsartikel und Hintergrundinfos mit und versuche mit den Schülern die Hintergründe (politisch, wirtschaftlich, moralisch ….) je nach Thema zu erarbeiten und den Schülern so zu ermöglichen sich überhaupt eine halbwegs reflektierte Meinung zu bilden.

      Mit Grundschülern würde man so ein Thema natürlich ganz anders angehen. Aber meine Schüler sind fast alles schon 18 Jahre und älter.

  2. pixelcatze Says:

    gelebte demokratie ist das wichtige und richtige stichwort. ‚mündige bürger‘ müssen meiner meinung nach ganz klar in der familie erzogen werden, indem man kindern den freiraum gibt zu entscheiden und die grenzen ihrer entscheidungen in bahnen lenkt. ja es erstaunt (ud entsetzt) mich auch immer wieder, wieviel unwissen es hier in deutschland unter den jugendlichen gibt. zum glück nicht bei allen. auch wir waren hier in unserer stadt zur mahnwache. als die polizei kam und fragte, wer denn der verursacher der demo wäre, riefen alle den namen des lokalen energiekonzerns, vor dessen gebäude wir standen und als gefragt wurde, wer diese demo denn angemeldet hätte, gingen etwa tausend hände nach oben 🙂

    das versuchen wir unseren (jugendlichen) kindern zu vermitteln
    viele grüße pixelcatze

  3. Jul Says:

    bist du verbeamtet ? vielleicht hatte sie schon mal davon gehört, dass Beamten nicht streiken dürfen, aber dass dann mit Demonstrationen etc. durcheinander gebracht ;).

    • aupairfamilienrw Says:

      @Jul
      Ja wahrscheinlich war es genau das ;). Und bitte versteht mich nicht falsch. Ich will mich nicht über meine Schüler lustig machen. Aber manchmal machen sie mir Angst und häufig lerne Ich von ihnen viel darüber was eben doch nicht so „normal und als allgemein bekannt“ anzusehen ist. Schüler zwingen einen als Lehrer auch immer wieder die eigene Position und den eigenen Standpunkt zu überdenken.

  4. Jul Says:

    nee, ich kann das verstehen … oh man, wenn ich daran denke, was sich unsere Lehrer anhören mussten. ich erinner mich nur noch an die 1. Geschichtsstunde in der Oberstufe – mein armer armer Lehrer. Keiner wusste, wann dir BRD gegründet wurde, geschweige denn wer erster Kanzler war (abgesehen von mir – ja ich muss mal angeben, wobei das für mich unspektakuläres Allgemeinwissen ist ;)) … der ist schier verzweifelt. Ich manchmal auch (hab einen Geschichtslehrer als Vater und bin von klein auf sehr interessiert …) – manche wussten noch nicht mal, wann der zweite Weltkrieg zuende war … Hilfe. Dafür hab ich vermutlich was Naturwissenschaften anbetrifft das Wissen von Fünftklässlern :D.

    genug OT. Ih finde, es aber gut, dass du da mit Schülern drüber redest. Bei uns wurde auch aus Zeitgründen nicht über Winnenden, Hurrikan Katrina, den Tsunami & Co geredet.

  5. zimtapfel Says:

    Ja, das finde ich auch immer wieder erschreckend, wie unwissend und auch desinteressiert an solchen Themen Jugendliche oft sind. Ich meine, das wäre damals, als ich in dem Alter war, anders gewesen. Aber vielleicht lag das auch nur an dem privaten Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, bei uns wurde einfach immer über alles geredet. Aber auch in der Schule, glaube ich mich zu erinnern, wurden so aktuelle Themen besprochen. Und das finde ich auch wichtig, das das (altersgerecht natürlich) so gemacht wird, denn viele Kinder haben eben leider nicht das Zuhause, in dem sie die Dinge, die auf der Welt so passieren, gut verarbeiten können.
    Das du die Kinder mitgenommen hast, finde ich gut. Ich weiß nicht, wieviel sie in ihrem Alter schon davon mitbekommen und verstehen, was da gerade passiert. Aber ich nehme an, das ihr ihnen das altersgerecht vermitteln könnt. Ich habe am Freitag zu meinem großen Erschrecken erfahren, das mein siebenjähriger Neffe schon sehr viel davon mitbekommt und viel zu viel versteht und das ihm das alles große Angst macht. (Ich hatte gehofft, das das erst in ein paar Jahren soweit ist. Aber er ist halt – leider in diesem Fall – sehr weit für sein Alter.) Da hätte ich auch keine Hemmungen, ihn mit zu einer Demonstration oder Mahnwache zu diesem Thema zu nehmen. Um ihm zu zeigen, das wir, auch wenn wir dem, was in Japan passiert, machtlos gegenüberstehen, trotzdem etwas tun können, um uns dafür einzusetzen, das wenigstens hier bei uns die Gefahr kleiner wird.
    Bei eurem Au Pair würde mich mal interessieren (sie kommt doch aus der Ukraine, oder?) was sie so über das Thema Tschernobyl weiß. Ist das dort in der Schule und in der Öffentlichkeit ein Thema, über das gesprochen wird?

    • aupairfamilienrw Says:

      Olga sitzt hier auch sehr viel vor den Nachrichten und man merkt ihr an, wie sehr sie die Sache beschäftigt. Sie hat schon mehrfach gesagt, dass sie hier Dinge erfahren hat, die sie so nicht wußte. Aber sie ist auch viel persönlicher betroffen. Ihr Vater ist z.B. an Krebs erkrankt und sie überlegt erst jetzt hier, ob es vielleicht mit Tschernobyl zu tun haben könnten.

      Wir sprechen auch viel über das Thema und sie ist wirklich sehr an diesen Themen interessiert. Nicht nur am Thema an sich, sondern auch an der unterschiedlichen Art wie in den Nachrichten und der Öffentlichkeit mit dem Thema umgegangen wird. Auch das gehört eben zum Kulturausstausch dazu den ein Jahr AP bietet.

  6. nalu Says:

    Ja, ich finde auch, dass erlebte Demokratie nicht gleich Instrumentalisierung bedeutet. Insofern kann ich mir auch vorstellen, mit einer Schulklasse / einem Oberstufenkurs eine Mahnwache zu besuchen. Ich bin auch Lehrer (Seminarfach Nachhaltigkeit, Werte und Normen, Englisch) 🙂

  7. nalu Says:

    PS alle Infos zu den kommenden Mahnwachen etc auf ausgestrahlt
    Wir hatten letztes Jahr an der Schule auch eine (hoffentlich) gewinnbringende Diskussion zum ziviler Ungehorsam, im Rahmen der Castor Transporte. Mehrere Lehrer waren vor Ort beteiligt. Gibt es eigentlich in Analogie zu der Arbeitsgemeinschaft Kritischer Polizisten auch eine entsprechende Lehrer-Organisation?

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