Arztfrau als Hassobjekt

Durch die ungewöhnlich vielen Besucher bin ich auf eine seltsame Diskussion gestossen.

http://bfriends.brigitte.de/foren/was-bringt-sie-aus-der-fassung/174761-arztfrauen-schaltet-der-beissreflex-jedes-ironieverstaendnis-aus.html

Ich habe ja lange überlegt ob ich zu dem Thema auch was schreibe.  Denn ich habe mich ja hier im Blog  auch schon öfter als Arztfrau bezeichnet.   Am Anfang fand ich die Diskussion ja auch noch witzig und spannend, aber je länger sie läuft um so mehr frage ich mich was da eigentlich passiert.

Der Anlass war ja eher banal. Eine Frau  die mit einem Arzt verheiratet ist suchte eine Freundin mit ähnlicher Lebenssituation und hat ihre Lebenssituation mit dem Begriff Arztfrau  umschrieben.  Und das hat offensichtlich nicht nur Diskussionsbedarf geweckt, sondern auch Hass, Neid und Wut.  Ich habe übrigens auch schon mit genau diesem Begriff nach Gleichgesinnten gesucht und werde unter diesem Begriff auch häufig im Internet gefunden.  Es gibt also noch mehr unser Art 😉

Vielleicht liegt es ja daran, dass ich selbst auch so ein Exemplar bin, aber mir war klar was die Frau meinte.   Ihr ging  es nicht um die Frage ob so was besonderes, höheres oder sonstwas ist, sondern um die Eigenheiten die es in der Regel mitbringt wenn der Partner im medizinischen Bereich arbeitet.  Und viele dieser Punkte kann man leider als Partner eines Mediziners oder auch einer Medizinerin überhaupt nicht oder nur sehr wenig beeinflussen.

1. Die Arbeitszeiten im Krankenhaus und wahrscheinlich auch in der eigenen Praxis sind selten mit denen in vielen anderen Berufsfeldern vergleichbar.  Man hat seinen normalen 8-10 Stundenarbeitstag wie jeder andere auch und dann kommen noch Wochenende, Nacht- und Bereitschaftsdienste oben drauf.  Daher ist ein „normaler“Arzt häufig 60-80 Stunden in der Woche nicht für seine Familie verfügbar.  Ich bezeichne mich deshalb auch gerne mal als „Teilzeit Alleinerziehend“.    Klar auch Krankenschwestern, Rettungsdienstler, Gastronomen kennen Wochendend und Feiertagsarbeit und können das nachvollziehen.  Es geht auch nicht darum andere Berufe abzuwerten. Es geht einfach um die „Nebenwirkungen“ die ein bestimmter Beruf für die Familie oder Partnerschaft hat.

Ich mache aber auch häufig die Erfahrung, dass viele Bekannte nicht wirklich verstehen warum mein Mann so oft nicht zu Hause ist oder nicht einfach mal einen bestimmten Tag am Wochenende/Abend frei hat.   Denn genau da liegt ja das Problem er arbeitet seine normale 40 Stundenwoche + 8-14 Dienste im Monat.

2. Die Vorurteile Arzfrau/Arztfamilie  = reich,  was besseres,  elitär, leben wie im Groschenroma  sind erschreckend häufig auch bei jüngeren noch vorhanden. Ich bin schon mehrfach als „Frau Doktor“ obwohl mein Mann gar keinen Doktor hat 😉  angesprochen worden.   Wie soll man auf  so was reagieren. Ich versuche immer klar zu machen, dass wir auch nur eine normale Familie sind die genau wie andere auch versucht ihren Alltag zu meistern.   Und die Reaktion der Leute war gleich, egal ob ich zu der Zeit Hausfrau war oder jetzt als Akademikerin arbeite.   Aber das Problem haben meiner Meinung nach die anderen und nicht ich.   Auf der anderen Seite gibt es sowas doch in vielen Bereichen.  Vorurteile sind nicht toll, aber nicht zu leugnen.   Wer uns näher kennt weiß, dass wir so ziemlich das Gegenteil der Groschenromane sind.

Aber eine Arztfrau  = Frau mit einem Arzt verheiratet bin ich , ob ich will oder nicht.  Die Wertung bringen andere oder ich selbst wenn ich es ständig betonen würde hinzu.

Dann kam dort noch die Frage auf, ob man sich über den Beruf seines Partners identifizieren darf, muss, soll.

Identifiziere ich mich über meinen Mann?  Ich würde sagen ja und nein.   Wir sind ein Paar und haben gemeinsam in den letzten 16 Jahren unser Leben so wie wir es jetzt führen aufgebaut.  Und ja ich bin stolz auf das was mein Partner erreicht hat. Aber er ist genauso stolz auf meine Erfolge. Wir haben uns immer gegenseitig unterstützt und jeder hat auch schon zurückgesteckt um dem anderen den Rücken für Examen, Prüfungen und wichtige berufliche Schritte frei zu halten.  Das hat aber nichts mit fehlender Emanzipation zu tun, sondern mit unserem Verständnis von Partnerschaft.  Und das hat schon gar nichts mit dem Arzt sein zu tun.  Er ist halt Arzt geworden.  Als wir uns kennen lernten waren wir beide Schüler. Und hätte er sich anders entschieden wäre ich jetzt vielleicht die Frau eines Goldschmieds,  Mathematikers oder Handwerkers und auch mit diesen Berufen würde ich mit identifizieren. Weil dann diese Arbeit Teil meines Lebens ist.  Mein Mann muss ja auch damit Leben ein „Lehrergatte“ zu sein und alle Vorurteile über diesen Berufsstand zu ertragen 😉

Und ob ich möchte oder nicht natürlich prägen unsere Berufe auch unsere Persönlichkeit und unseren Lebensstil.  Wir leben nicht wie im Groschenroman, aber natürlich geht es uns finanziell besser als einer Familie in der nicht beide gut bezahlte Arbeit haben.    Es gibt Unterschiede und die kann man nicht einfach ignorieren.  Ich hoffe aber, dass ich nie vergesse wie priviligiert wir leben. Auch wenn wir dafür an anderen Stellen (Freizeit,  Familienleben,  lange Studienzeit mit wenig Geld) auch zurück gesteckt haben.  Und Angeberei oder bewußtes Prahlen hat nichts mit dem Arztberuf oder Akademiker sein zu tun.  Das hat was mit Charakter und Einstellung zu tun.

Ich beurteile Menschen aber doch nicht nach ihrem Einkommen. Für mich sind Persönlichkeit, Ehrlichkeit und Charakter viel wichtiger.  Und zum Glück haben wir einen sehr bunten Freundes und Bekanntenkreis.  Da spielt es eine eher untergeordnete Rolle welchen Beruf man hat.

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6 Antworten to “Arztfrau als Hassobjekt”

  1. Kati Says:

    Ja ja immer das Gleiche.
    Meine Mutter ist auch „Arztfrau“ und arbeitet seit Jahren bei meinem Vater in der Praxis mit, macht die ganze Abrechnung und die Verwaltung, geht mit ihm nachts los wenn er Nachtdienst hat, assistiert und auch bei den anderen Notdiensten.
    Aber sie ist ja „Arztfrau“ und ein Käse.
    Als „Arztkind“ kommt man auch nicht besser weg.
    „Bonzenblag“ ist noch das Netteste, an das ich mich erinnern kann, was man mich betitelte als ich noch zur Schule ging.

    Ich versteh diesen Neid nicht. Wie Du schon richtig geschrieben hast, als Arzt schuftet man ganz schön, das fällt mir jetzt, wo ich selbst erwachsen bin, viel mehr auf als als Kind. Mein Vater geht morgends um halb 8 aus dem Haus, kommt Mittags um 1 wieder, fährt wieder um 2, weil um halb drei die Praxis wieder auf ist, und kommt abends nicht vor 7 nach Hause.
    Nur der Mittwoch nachmittag ist frei und selbst da rufen teilweise Patienten an und mein Vater fährt dann in wirklichen Notfällen wieder in die Praxis, genauso am Wochenende, wenns sein muss, oder halt auch noch nach Feierabend ins Krankenhaus oder Altersheim, wenn da Patienten sind, die eben nicht in die Sprechstunde kommen können.
    Ich kann mich zu gut dran erinnern, dass ich Mittwochs nachmittags immer komisch fand, weil mein Papa dann zu Hause war und er dann viel am und ums Haus gemacht hat. Sonst war ja immer nur „Mama“ zu Hause und am Abend dann Papa, der dann meist echt KO war.

  2. fgt Says:

    @kati:mein dad geht auch morgens um 6 aus dem haus und kommt nicht vor 7.30 heim. in meinen augen ist das relativ normal. auch arbeitet er öfter mal am wochenede.

    • aupairfamilienrw Says:

      @fgt

      Wahrscheinlich findest du es genauso normal wie meine Kinder und Kati, weil du es nicht anders kennst. Normal ist eben das was man von klein auf lebt 🙂

      Bei solchen Arbeitszeiten ist es aber für die Partner häufig so, dass er/sie einen großen Teil der Familienlebens und der Kindererziehung allein organisieren und übernehmen muss. Daher fände ich es spannend auch die Perspektive eurer Mütter zu kennen. Wie gehen andere Frauen und Männer damit um, wenn man max 1- 2 Wochenende im Monat wirklich als Familie hat oder man keine regelmäßigen Abendtermine machen kann, weil 1-2x in der Woche Rufdienste liegen, die max. 4 Wochen im Vorraus feststehen. Hier hat die Arbeit des Partners eben sehr starke Auswirkungen auf das Privatleben des anderen. Und genau da liegt meiner Meinung nach ein Unterschied zu vielen (nicht allen) anderen Berufen. Die Arbeitszeiten sind nicht nur lang, sondern auch unregelmäßig und wechselnd.

  3. Kati Says:

    Klar war das für mich normal aber jetzt als Erwachsene, erkennt man eben, dass es nicht normal ist und was mein Vater für uns als Familie für Opfer gebracht hat und immer noch bringt.

    Mein Vater ist mitlerweile über 60 und versucht seine Praxis jetzt zu verkaufen, weil er auch eben gerne mal Ruhstand hätte, aber das ist nun auch nicht so einfach.

    Meine Mum zieht sich auch so langsam aber sicher aus dem Geschäft zurück, sie hat auch die 60 überschritten, aber sie hat sich auch aufgeopfert für die Praxis damit mein Vater eben nicht noch eine teure Kraft einstellen musste um die Verwaltung zu machen.

    Das ist es eben wenn man in einem Arzthaushalt lebt.
    Man weiss nie was kommt und ich kann mich als Kind nicht dran erinnern, das meine Eltern oft unter der Woche weg waren.
    Das war vielleicht mal alle Jubeljahre so.

    Ich versteh den Neid und Hass auf sowas einfach nicht.
    Wenn ich das jetzt so betrachte, mit Abstand und eben nicht mehr als Kind, hätt ich auch lieber nen Papa gehabt, der von 8-4 oder sowas arbeiten ist und dann am Abend eben nicht total abgeschlagen nach Hause kommt und dann am WOchenende noch Fortbildungen machen muss, damit die Praxis eben läuft und das Geld reinkommt.

  4. fgt Says:

    ob da wirklich neid dabei ist weis ich auch nicht. und das arbeiten von 8-4 ist in meinen augen in jedem studierten beruf nicht mehr möglich. also wie gesagt die arbeitszeiten meines dads sehn auch nicht so viel anderst aus. das ist heuzutage einfach so. man will ein schönes haus, udn in urlaub fahren dann muss dafür was opfern und das ist leider nunmal die freizeit also familienzeit. obwohl ich auch sagen muss das es für mich als kind nicht so schlimm war das mein dad wenig daheim war, dadurch war die zeit mit ihm was ganz besonderes. und wenn er heimkam hatt er sich auch nur mit uns beschäftigt bis wir ins bett sind da war die mama abgemeldet und acuh wenn er am wochenende da war war seine zeit von usn schon durchgeplant egal ob er lust hatte oder nicht.

    Ohman ich hoff meine Kinder bekommen auch mal so nen tollen papa.

  5. Andi Says:

    Ich bin auch eine Arztfrau und du sprichst mir aus dem Herzen!
    Auch ich bin im Gesundheitswesen beschäftigt und kenne die langen Arbeitszeiten zu Genüge!
    Beruf plus Kindererziehung das ist sehr schwierig zu organisieren(für alle)!Wir haben Gott sei Dank liebe Großelteltern gehabt und eine tolle Tagesmutter!
    Jetzt sind alle groß und aus dem Haus und haben die selben Probleme die wir hatten!

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