Abschied vom Gastfamilie sein

Nach über 5 Jahren Gastfamilie sein fühlt es sich noch sehr ungewohnt an jetzt ohne AP zu leben.   Wir haben uns noch nicht daran gewöhnt unser Haus wieder ganz für uns zu haben.  Man merkt es an den Kleinigkeiten.  Wenn der Gastvater Abends noch schnell Duschen will und automatisch den Bademantel überzieht und dann feststellt er muss das nicht mehr 😉 .

Wenn ich morgens automatisch für eine fünfte Person den Tisch decken will.  Wenn wir beim Einkaufen überlegen ob noch genug Cornflakes, Nutella, Toast für Nimmersatt da ist oder man beim Abendessen nach ihr rufen möchten.  Dann merkt man wie sehr man sich an das Leben zu fünft gewöhnt hat.

Auf der anderen Seite  stelle ich überrascht fest, dass trotz Krankheit und Renovierungschaos der Alltag ohne AP fast runder läuft als mit.  Wir müssen nicht mehr jeden Abend entweder 10 Minuten auf Olga warten oder ohne sie anfangen und den Kids erklären, warum wir zwar alle pünktlich kommen aber unser AP es auch nach 12 Monaten noch nicht schafft. Ich kann in Ruhe ein Buch lesen ohne alle 10 Minuten mit irgendeiner Frage oder erfundenen Geschichte konfrontiert zu werden.

Wir können  mit den Kindern auch mal fünf gerade sein lassen ohne vom AP ständig Bemerkungen a la „Also in meiner Heimat hätte man dafür aber eine gehauen bekommen“  „Das hätte ich als Kind aber nicht gedurft“ zu hören.   Sie hat gerade in den letzten Wochen ein ziemlich impertinentes AP-Echo in Erziehungsfragen entwickelt.  Immer wenn ich eins der Kinder ermahnt oder geschimpft habe kam von ihr in einem ziemlich unfreundlichen Ton „WAS HAT MAMA GESAGT  DU SOLLST HÖREN!“  Und das Highlight hat sie am letzten gemeinsamen Frühstück gebracht.   Da hat sie doch glatt vor den Kids gesagt.  „Bei uns würdet ihr für so ein Verhalten geschlagen“  Damit hat sie beide Kinder zutiefst geschockt und ihnen den Abschied wohl noch einfacher gemacht 😦

Sie hat den Kindern gegenüber mehr als deutlich gezeigt, dass sie für sie nur „Arbeit“ sind und sie konsequent ignoriert in ihrem Urlaub.  Für die Kinder eine sehr unschöne Erfahrung.  Für uns aber leider nur die Bestätigung unseres schon länger anhaltenden Gefühls, dass sie nicht nur ihre Familie, Freunde und Lover, sondern auch uns nur als Mittel zum Zweck sieht.

Das Fazit für dieses AP Jahr fällt mir unglaublich schwer.  Sie hat ja nie wirklich riesen Fehler gemacht oder war offen unfreundlich, aber man hat eben je länger sie hier war immer deutlicher gemerkt, dass sie keinerlei echtes Interesse an uns hat.

Auf der anderen Seite hat sie bis zum Schluss immer wieder verkündet sie hätte sich bei uns wie zu Hause gefühlt und das glaube ich ihr 110%.  Klingt seltsam ist aber so.  Sie hat sich nämlich wirklich so verhalten.  Sie hat  bei offener Tür die Toilette benutzt,  ihre Unterwäsche offen im Bad aufgehängt,  sich jederzeit in der Küche, Flur oder Wohnzimmer bequem hingesetzt egal ob wir gerade ein persönliches Gespräch führen oder TV schauen.   Sie hat uns immer mit ihren Problemen um Hilfe gebeten.  Sie hat ohne Hemmungen alles ge- und benutzt was ihr zur Verfügung stand.   Sie hat also gelebt wie ein drittes Kind, aber leider ohne auch etwas echtes von sich zurück zu geben.

Im Nachhinein könnte man jetzt sagen wir hätten viel früher eine Bremse ziehen müssen und uns von ihr trennen, aber ihre Aufgaben hat sie bis auf wenige Ausnahmen erfüllt. Nicht überragend oder mit Begeisterung, aber sie hat gemacht was man von ihr verlangt hat.  Sie hat auch immer sofort alles akzeptiert und eingesehen wenn wir eins von zahlreichen klärenden Gesprächen geführt haben nur leider ihr Verhalten nicht wirklich dauerhaft geändert.   

Was bleibt von Olga?

– Der Name Nimmersatt und ein Bild vom AP im Bademantel.

– Ein wirklich toller Start und erster Eindruck

– Die klassische Antwort auf den Ruf zum Essen :  “ Ich komme in ein paar Minuten“    „Ich musste noch mit Mama telefonieren“

– Der obligatorische Anruf ihres Lovers um 23.30  der zuverlässiger war als der Funkwecker

– Die Erkenntnis, dass man für 12 Monate in einem fremden Land leben kann ohne auch nur einen einzigen Ausflug selbst bezahlt zu haben oder auf eigene Faust etwas unternommen hat.

Ich hatte bis zum Schluss ein schlechtes Gewissen, dass wir auf das Ende gewartet haben und ich keine echte Trauer empfand.  Aber ich habe mich dennoch bemüht ihr einen schönen Abschied zu machen und sie hat bis zum Schluss alles als selbstverständlich genommen und ignoriert.    Bei allen anderen APs habe ich gerne zum Abschied ein schönes Photobuch mit gemeinsamen Erinnerungen erstellt. Ging bei ihr nicht, weil sie alle Feiertage/Familienfeste und ähnliches verpasst hat.   Oder ich habe ein persönliches Geschenkt gesucht, aber sie hat alle Angebote abgelehnt.  Selbst die Idee in ihrem Urlaub eine Kurzreise zu machen fand sie doof.    Also gab es nur eine Kerze und ein bischen Deko für ihr neues Zimmer.

Es war auch nicht alles schlecht mit Olga  und in ein paar Wochen werde ich sicher schon viel milder auf das Jahr zurück blicken.  Aber heute musste es einfach mal raus.

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11 Antworten to “Abschied vom Gastfamilie sein”

  1. Marc Says:

    „Die Erkenntnis, dass man für 12 Monate in einem fremden Land leben kann ohne auch nur einen einzigen Ausflug selbst bezahlt zu haben oder auf eigene Faust etwas unternommen hat“

    Ja, das kommt mir doch irgendwie bekannt vor…und „als Mittel zum Zweck“ angesehen zu werden, das kenne ich auch, nur fragt man sich was eigentlich dann der „Zweck“ sein soll..etwa nur das Materielle?

    Wie armselig wäre es wenn es wirklich so wäre…dann müsste man wiederum Mitleid mit ihr haben.

    Und ein FSJ mit geistig Behinderten wird für „Olga“ ganz bestimmt nicht einfach werden- und sehr wahrscheinlich wird der Umgang mit ihr auch ihren Kollegen nicht immer ganz leicht fallen.

    • aupairfamilienrw Says:

      Der Zweck ist wohl bei Olga ein Mischung aus Materialismus und Angst vor Zukunft und Verantwortung in der Heimat.
      Sie will auf keinen Fall wieder nach Hause und dort wieder bei Mama und der pflegebedürftigen Oma einziehen.
      Sie mag den „Luxus“ hier und sie will gerne nochmal studieren. Und vor allem will sie einen reichen Mann der ihr das alles finanziert.
      Und ja bei allem Frust sie tut mir leid. Vor allem weil sie durch ihre Art und ihre Berechnung auch viele gute Erfahrungen und Chancen verpasst und dabei selbst nicht wirklich glücklich wirkt. Sie ist kein schlechter Mensch und wenn sie ein bischen ehrlicher und natürlicher wäre fände sich bestimmt einen besseren Weg. Aber auf dem Ohr war sie leider total taub.

      Ich bin auch gespannt ob sie ihr FSJ wirklich durchzieht. Aber sie hat sich ja ihren Schatzi noch auf Sparflamme gehalten. Er durfte sie ja auch zu ihrem neuen Wohnort fahren.

  2. Marc Says:

    Das mit dem Luxus kann ich ein Stück verstehen, klar ist der Lebensstandard bzw. die Lebensqualität in Deutschland in vieler Hinsicht deutlich höher wie in der Ukraine… aber der beste Weg um in Deutschland zu bleiben und sich hier auch wohlzufühlen, der geht eben gerade nicht über einen „reichen Mann“.

  3. ramona Says:

    Mich würde mal interessieren wie das Abschiedsessen gelaufen ist und ob sie noch ihren Kuchen für die Familie gebacken hat.

  4. Higanbana Says:

    Aber vielleicht sollte man es von der guten Seite sehen. Wenn das der grosse traenenreiche Abschied geworden waere, haette man die naechsten Tage zumindest doch gewaltig einen Durchhaenger, den du jetzt in dieser Situation mit Verletzung und alleine Kinderhueten doch eher nicht leisten kannst. Und vielleicht wuerdest du dir dann doch bereuen, dass ihr euch gegen ein naechstes AP entschieden habt. Vielleicht ist das Ganze so ja genau richtig. Kein richtig grossartiges Ende, aber auch kein traumatisierendes.

  5. ap-familie Says:

    Ich freue mich ehrlich für Euch, dass Ihr das erste Mal als „4er-Kernfamilie“ den Alltag erlebt. Es ist etwas ganz besonderes und ich genieße die von Dir erwähnten Kleinigkeiten (von „nackt durchs Haus laufen“ bis „inkonsequentes Verhalten ohne Rüge“) noch heute sehr bewußt. Es ist toll! Sicherlich wird auch die Zeit kommen, in der Du wünschst, es wäre doch noch/wieder ein AP da. Aber Ihr habt ja flexible Babysitter und damit läuft es bestimmt auch. Für die Kinder ist es auch eine tolle Erfahrung, dass sie jetzt „groß“ sind und Du ihnen viel mehr zutrauen wirst/musst, einfach weil es anders nicht geht.
    Schade das Olga sich zum Schluss genauso verhalten hat, wie befürchtet. Aber das hat den Kindern den Abschied sicherlich einfacher gemacht. So was krasses hatten wir noch nie: Im Gegenteil, zwei der Ex-APs wohnen ja in der Nähe und sie besuchen die Kinder gerne und freuen sich, wenn sie mal wieder mit ihnen spielen können. Nach dem, was Du erzählst, wird Olga eher keinen Besuch bei Euch einplanen…
    Was mich auch interessiert: Wie war das Abschiedsessen und gab’s Kuchen?

    • aupairfamilienrw Says:

      Ja wir haben es ja auch nicht wirklich anders erwartet und so schlimm wie es sich liest war es dann auch nicht. Es passte eben in die letzten Monate.

      Und ja den Kids ist der Abschied diesmal wirklich leicht gefallen und das obwohl sie am Anfang so super gestartet ist.
      Die kleine Hexe meinte gestern: So traurig bin ich gar nicht, jetzt können wir frühstücken ohne das Olga immer meckert. 😦 Sie hat das AP Echo also genauso gemoch wie die Mama 😉

  6. Mara Solanum Says:

    ui, zieht der blog jetzt um?
    wir fahren übrigens bald in urlaub – nur kernfamilie. und ich merke, dass ich mich darauf freue…

    • aupairfamilienrw Says:

      Nein der Blog bleibt auch wenn der Titel nicht mehr so ganz passt. Aber der Untertitel „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ bleibt ja aktuell. Nur wird jetzt eben das AP durch eine Haushaltshilfe und OGS ersetzt.

      Und euch wünsche ich ganz viel Spaß im Urlaub. Wir fahren auch noch ein paar Tage ans Meer und ich freue mich riesig. Hoffe nur bis dahin ist mein Fuß wieder fitter.

  7. NRWFamilie Says:

    Es ist wirklich interessant zu lesen, welche Parallelen sich finden. Unser AP ist ähnlich gestrickt. Sie macht was man sagt und weiß was sie machen soll, solange sie Arbeitszeit hat. Kaum ist diese um, zack, geht nix mehr. Sie ist nun schon 4 Monate bei uns, macht auch nicht wirklich was falsch oder so, aber ich kann auch nur sagen: ich bin zufrieden. Auf keinen Fall: ich bin froh oder super, dass sie da ist. Es ist schon ein seltsames Gefühl, am Anfang freut man sich, dass nun endlich jemand kommt, der einen entlastet, aber es ist alles in allem doch mehr ein Gast, der zur Arbeit eingeteilt wird, als ein helfendes Familienmitglied. Bestes Beispiel: ich hatte Freundinnen mit Kindern zum Grillen eingeladen, unser AP habe ich auch eingeladen. AP war zum Essen da. Meine Freundinnen UND die Kinder waren zum spielen, Tisch draußen decken, grillen, essen, reden und auch wieder aufräumen da. …. Suche ich Exoten?? Ich helfe doch auch beim Tischein- und -abdecken, egal ob ich bei Freunden, meiner Schwester oder Mutter bin !?! Das sind so Dinge, die kann ich nicht nachvollziehen und mir persönlich wäre es einfach zu blöd, mich woanders auf diese Art und Weise zu verhalten. Da stellt sich mir die Frage: verlange ich zu viel?? Muss man das einfach so hinnehmen? Haben sie es nicht anders gelernt?? Ich bin ratlos…..

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