Unser erstes AP oder unsere ersten Schritte als Gastfamilie

Wir hatten also ziemlich kurzfristig und überstürzt unser ersts AP aus Kenia eingeladen.  Ich war super aufgeregt und konnte es kaum erwarten bis sie endlich bei uns ankam.  Wir haben angefangen unser Gästezimmer in ein AP Zimmer zu verwandeln.  Es wurde also neben einem Bett noch ein Kleiderschrank und ein Schreibtisch ins Zimmer gestellt und wir versuchten es so gemütlich wie möglich zu machen.  Ich habe neue Bettwäsche und Decken besorgt und mir vorgestellt wie es wohl wird  mit einem Au-Pair zusammen zu leben.

In dieser Zeit habe ich auch mein Tagebuch aus der eigenen AP Zeit wieder hervor geholt und mir meine eigenen Gefühle und Gedanken nochmal in Erinnerung gerufen.  Und nach nur 4 Wochen war dann das Visum und alle Formalitäten erledigt und wir wußten wann unser AP in Frankfurt landen sollte.

Da ich damals schon hochschwanger war, hat meine beste Freundin mich zum Flughafen begleitet, während Oma und Opa auf unsere Tochter aufgepasst haben.  Der Gatte musst wie immer arbeiten.   In Frankfurt angekommen kam die erste Überraschung.  Unser AP war nicht im angekündigten Flieger.  Nach langem Suchen und Fragen kam heraus, dass sie den Flug in Zürich verpasst hatte und damit 3 Stunden später kam.   Aber dann war sie endlich da.

Sie wirkte sehr nett aber schüchtern und hatt kaum gesprochen.  Wir sind dann erstmal etwas gemeinsam essen gegangen und haben uns dann auf die Rückfaht nach Hause gemacht.   Dort angekommen wurde das arme Mädchen sofort von der kompletten Familie begrüßt.  Sie war auch da sehr ruhig und hat kaum gesprochen.   Aber das habe ich damals auf ihre lange Reise und Unsicherheit geschoben.

Am nächsten Tag sind wir dann sofort zum Ausländeramt und der Stadtverwaltung gefahren, weil ich gerne alle Behördenwege vor der Geburt unseres 2. Kindes erledigen wollte.   Die Ankunft unseres APs war im September und es war genau wie dieses Jahr noch sehr warm.  Also haben wir zur Feier ihrer Ankunft erstmal  schön gegrillt. Dabei gab es die ersten Überraschungen beim Essen.

Unser AP wollte keinen Salat roh essen.  Sie hatte Angst, dass er Krankheiten enthält.  Zuhause würden sie sowas immer kochen.  Und auch sonst war sie von unserem Essen nicht begeistert und hat ziemlich direkt angefangen sich immer selbst etwas anders zu kochen.  Meistens mit großen Mengen an Öl, Chili und Ketschup.   Sie wollte nämlich zu jeder Mahlzeit etwas warmes.  Brot zum Frühstück oder Abendbrot kannte sie nicht und wollte sie auch nicht essen.

Wir hatten damals schon fast ein schlechtes Gewissen und haben sie kochen lassen.  Vor allem weil ihre afrikanischen Gerichte sehr sehr lecker schmeckten 😉 .   Aber es war auf Dauer schon problematisch, wenn immer einer etwas anders ißt wie der Rest der Familie.

Auch im Alltag gab es viele Überraschungen:

Unser AP hatte Angst vor der Dusche und hat die ersten Tage nicht geduscht.  Ihre Mutter hatte es ihr verboten, weil in Kenia viele Duschen elektrisch beheizt werden und es häufig Stromunfälle gibt.  Da sie bei uns nirgens den Strom sehen konnte hat sie lieber kein Risiko eingehen wollen.

Beim Abwaschen hat sie die Spülmaschine ignoriert und alles unter kalten laufenden Wasser abgewaschen.  Eben so wie sie es von zuhause kannte.

Wenn sie das Haus verlassen hat, hat sie häufig nicht abgeschlossen oder alle Fenster offen gelassen.  Denn Deutschland soll doch so sicher sein.

Ein Haarpflegeprodukt von ihr hat im ganzen Haus an Wänden,  Sessellehnen und anderen Orten schwarze Streifen hinterlassen.  Und die Dusche war auch nach der Überwindung der ersten Angst schwarz.

Unser AP hatte einen sehr starken Eigengeruch.  Und es lag nicht daran, dass sie unsauber war.  Sie war sehr ordentlich und sauber und trotzdem hat das ganze Haus nach ihr gerochen.  Ich weiss bis heute nicht woran es lag.  Vielleicht an den vielen scharfen Gewürzen,  irgendeinem exotischen Parfum …..

Unser AP war extrem abergläubisch und hatte panische Angst von Hexen, Flüchen und bösen Blicken.  Diese Angst hat sie auch unserer Tochter vermittelt und ständig mit uns über das Thema gesprochen. Am Anfang fand ich es spannend, aber auf Dauer war es sehr anstrengend einem erwachsenen Menschen immer wieder zu sagen, dass es erstens keine bösen Blicke gibt und die Behinderten hier im Ort auch keine Monster sind.  Und vor allem ihr klar zu machen, dass ich diese Form des Aberglaubens bitte nicht an meine Kinder weitergeben möchte.

Unser AP hatte gefühlt 2 Minuten nach ihrer Ankunft schon diverser Kontakte übers Internet und hing ständig am Telefon.  Nicht nur mit der Heimat wurde täglich telefoniert, sie bekam auch ständig Anrufe von diversen Männern, die alles deutlich älter klangen.

Auf unserem PC, denen sie mitbenutzen durfte, war nach einigen Tagen massenhaft neue Software installiert und ich wurde auch schon mal von Helmut 52 begrüßt.  Sie hatte also auch hier heftig Kontakt zu deutschen Männern gesucht.  Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet.  Ziemlich schnell haben wir ihr ein eigenes Telefon ins Zimmer gestellt, damit wir zumindest von den Anrufen bis spät in die Nacht verschont wurden.

Unser AP kam mit völlig unzureichenden Klamotten hier an.  Sie hatte weder eine Jacke noch vernüftige Schuhe.  Sie hatte eigentlich nur Flip Flops und ein paar T-Shirts.  Also haben wir erstmal einige Jacken und Pullis von uns an sie abgegeben und ich habe ihr ein paar vernüftige Schuhe für den Herbst gekauft.  Allerdings alles auf unsere Kosten.

Denn sie hatte ihr erstes Taschengeld komplett direkt am nächsten Tag nach Hause geschickt.  Sie teilte uns mit, dass sie damit ihre Schulden für den Flug an die Familie bezahlen müsse.  Für mich war das überraschend, da sie ja jetzt für die nächsten 4 Wochen 0€ für Freizeit oder andere Dinge hatte.

Aber trotz all der seltsamen und überraschenden Dinge waren wir mit unserer Entscheidung für ein AP doch recht zufrieden.  Denn sie gab sich wirklich Mühe und bot ständig an auch noch mehr zu helfen.  Sie wollte unser Auto waschen,  Überstunden machen und war auch sonst sehr hilfsbereit.  Aber da ich ja keine böse Gastmutter sein wollte, habe ich immer darauf geachtet, dass sie auch wirklich nur ihre 30 Stunden arbeitet.  Selsamer Weise wirkte sie dadurch eher unglücklich.

Mit unserer Tochter kam sie gut zurecht und sie hat auch recht schnell wickeln gelernt.  In diesen ersten Wochen hat sie vor allem  viele Spaziergänge mit dem Kinderwagen gemacht und mit unserer Tochter im Kinderzimmer gespielt.   Nicht so toll fand ich dann, als ich mitbekam, dass sie häufig gar nicht spazieren ging, sondern ihre Freundin im Ort besuchte und dort TV schaute während unsere Tochter im Zimmer spielte.

Ein Problem wurde die Sprache, sie konnte zwar etwas Deutsch, aber sie hatte wenig Interesse es auch zu benutzen. Da sie sehr gut Englisch sprach, haben wir am Anfang fast nur auf Englisch gesprochen und das wollte sie auch gerne so beibehalten.  Wir haben es selten geschafft wirklich auf Deutsch mit ihr zu sprechen.  Vor allem wenn es Problemem gab hat sie so getan, als ob sie nichts versteht.

Ein zweites Problem wurden ihre Männerbekanntschaften und ihr Umgang mit Gesetzen.  Sie teilte uns schon nach 2-3 Wochen mit, dass sie am Wochenende nach München fahren würde und dort Helmut 52 treffen wollte.  Auf meine Frage wie sie das bezahlen wolle, kam nur:  Das zahlt er und im Zug nutze ich die Bahncard meiner Freundig.   Toll ich habe versucht ihr klar zu machen, dass erstens schwarzfahren verboten und teuer ist.  Und vor allem, dass wir sie nicht einfach aus München retten können, wenn der „Freund“ sie nur benutz oder schlimmeres vorhat.  Es hat sie nicht wirklich gestört.   Für uns war es aber schon ein Schock, da wir mit so einer Einstellung nicht gerechnet haben.

Und so stellten wir nach gut 4 Wochen Gastfamilie sein fest, dass es doch ganz anders war wie wir es uns vorgestellt haben und das ein AP ganz andere Ziele, Ideen und Motive haben kann als ich es damals in den USA hatte.   Und wir fragten uns auch ob sich unser AP wohl bei uns wohlfühlen würde.

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