Vollzeitarbeit versus Teilzeitarbeit

Wenn aus Partnern Eltern werden steht  mit einem Mal die Frage im Raum wie die Aufteilung von Erwerbsarbeit,  Hausarbeit und Familienarbeit zwischen den Partnern   in Zukunft aussehen wird.  Und da in Deutschland leider immer noch sehr häufig die Männer den höher bezahlten Beruf haben ist hier meist nur eine theoretische Wahlfreiheit gegeben.   Denn mit der Geburt eines Kindes  steigen die Fixkosten  bei sinkendem Familieneinkommen.    Daher stehen häufig Mütter vor der Frage:  Wie lange steige ich völlig aus meinem Beruf aus und wann mit welchem Umfang an Arbeit wieder ein.   Die gleichen Überlegungen gelten natürlich auch für Väter in Elternzeit deren Frauen Vollzeit arbeiten und die Hauptverdiener der Familie sind.

Da wir bei der Geburt unseres ersten Kindes auch in der Situation waren, dass nur mein Mann eine feste unbefristete Stelle hatte war klar, dass ich zunächst die Betreuung übernehmen würde.  Und wenn man aus der Arbeitslosigkeit versucht eine Kinderbetreuung übers Jugendamt zu beantragen läuft man in die erste Falle.   Ohne Arbeit keine reale Chance auf einen Betreuungsplatz, denn die sind für „berufstätige Mütter“.  Aber ohne Betreuung hat man mit Baby leider auch keine realen Chancen auf eine Arbeit, weil man ja wenn überhaupt nur Mütter mit einem „sicheren Betreuungsplatz“ einstellet.    Daher auf jeden Fall daran denken euch auf die Wartelisten einzutragen solange ihr noch Arbeit habt.  Gerade bei befristeten Verträgen die vor oder im Mutterschutz enden,  kann hier ein echtes Problem entstehen.   😦

Wenn man dann nach einigen Wochen/Monaten/Jahren wieder anfangen muss/will zu arbeiten steht Frau vor der Entscheidung:  Minijob, Teilzeit oder Vollzeit?   Hier ein paar Überlegungen die einem häufig nicht auf den ersten Blick einfallen.

Minijob:

Ist für viele die vermeintlich praktischste Lösung um erstmal wieder vorsichtig anzufangen.   Und es wird auch als Vorteil gesehen, dass man ja keine Abzüge hat und Brutto für Netto arbeitet.  Für mich hat diese Art zu arbeiten aber ein paar entscheidende Nachteile:

1) Ich bin nicht sozialversichert, daher habe ich weder Anspruch auf Kinderkrankentage,  Krankengeld wenn ich länger als 6 Wochen krank bin, Arbeitslosengeld wenn ich meine Arbeit verliere.

2) Bisher hat man keine Ansprüche für die Rente angesammelt.  Für 1-2 Jahre vielleicht noch kein Problem, aber wer langfristig in diesen Jobs arbeitet bekommt nach einem langen Arbeitsleben im schlimmsten Fall eine Rente von  0€.

3) Die meisten 400€ Jobs sind schlecht bezahlt und mann bekommt nur einen sehr geringen Stundenlohn.  Je nach Unternehmen werden Urlaubsansprüche, Weihnachtsgeld oder andere tarifliche Leistungen die einem eigentlich zustehen nicht oder nur teilweise gezahlt.

4) Im Betrieb wird man nicht als vollwertige Mitarbeiterin, sondern als „Aushilfe“ oder  gelegentlicher Gast wahrgenommen und Karriere ist in dieser Form der Beschäftigung nicht wirklich möglich.

5) Gerade Aushilfen werden für unattraktive Arbeitszeiten oder sehr flexibel eingesetzt.

6) Die Kosten für Kinderbetreuung sind im Vergleich zum EK häufig sehr hoch.

7) Da Frau ja nur ein paar „Stündchen“ arbeitet bleibt häufig die Haus- und Familienarbeit weiterhin zu 100% an ihr hängen.

 

Teilzeit:

Bietet einem die Möglichkeit  wieder in die Sozialversicherung zu kommen und somit die eigene Absicherung zu erhöhen und trotzdem bleibt noch Zeit für die Aufgaben zu Hause.  Häufig hat man freie Tage in der Woche oder muss nur bis Mittag arbeiten.   Wenn man einen guten Arbeitgeber hat kann man  seine Arbeitszeit den  Betreuungszeiten der Kinder und den Arbeitszeiten des Partners anpassen.   Für mich hat aber auch diese Form der Arbeit einige Nachteile:

1) Man hat durch die Abzüge in der Sozialversicherung und Steuern (hier ist die vermeintliche Steuerklasse IV besonders tückisch)  häufig nur unwesentlich mehr  Nettoeinkommen  im Vergleich zum Minijob.   Daher fällt gerade hier häufig der Satz „Es lohnt sich ja für mich nicht zu arbeiten!“   Wobei Rentenansprüche, Absicherung und Karrierechancen  häufig in die Rechnung nicht einbezogen werden.

2) Als Teilzeitkraft arbeitet man häufig deutlich effektiver als eine Vollzeitkraft, da Pausen wegfallen und man die „paar“ Stunden die man arbeitet voll  nutzt.   Diese Effektivität wird jedoch nicht anerkannt, sondern es kommen häufig Sprüche wie „Na schon wieder frei“   „Ich möchte auch mal jeden Mittag gehen können“     „Und wir dürfen jetzt den Rest der Arbeit erledigen“ …..  Hier zeigt sich ähnlich wie beim Minijob, dass TZ Kräfte häufig als  Mitarbeiter zweiter Klasse gesehen werden und bei Karriere  und Beförderung auch häufig übersehen werden.  Denn sie sind ja „nicht voll“ dabei.

3) In vielen Berufen gibt es unbezahlte Nebentätigkeiten die zusätzlich zur normalen Arbeitszeit anfallen.  Meetings, Dienstreisen,  Fortbildungen hier wird häufig auch von TZ Kräften 100% Engagement erwartet aber nur die TZ Bezahlung gezahlt.   Ein Punkt der mich in den Jahren als TZ Kraft immer mehr geärgert hat.

4) Gerade wenn man 50-70% TZ Stellen hat ist die zeitmäßige Belastung  inkl. Fahrzeiten kaum niedriger als bei einer Vollzeitstelle, aber  die Arbeitsteilung in der Familie ändert sich häufig nicht entsprechend, weil ja der Partner immer noch „mehr Arbeitet“.  Hier wird jedoch Haus- und Familienarbeit meistens nicht in den Vergleich mit einbezogen.    Und eine Entlastung durch Putzfrau und Co ist bei den meisten EK in diesem Bereich noch nicht finanzierbar, da ein großteil des EK für Kinderbetreuung ausgegeben wird.

 

Vollzeit:

Man ist ein vollwertiges Mitglied im Team und wird genau wie alle anderne bezahlt und hat zumindest theoretisch die gleichen Chancen auf Karriere und Beförderung.  Für mich war es erschreckend wie sehr sich das Verhalten einiger Kollegen mir gegenüber geändert hat seit ich Vollzeit arbeite.  Auf einmal bin ich nicht mehr nur eine „Mutti“, sondern eine „richtige Kollegin“.   Dabei mache ich nicht mehr an Sonderaufgaben oder verhalte mich anders.   Nur mein EK hat sich deutlich erhöht.  Im Gegenteil ich werde sogar seltener gefragt ob ich nicht „mal eben“ etwas erledigen kann, weil ich ja als TZ Kraft genug Zeit habe. Und auch in der Partnerschaft ist mit diesem Modell klar, dass beide die gleiche Arbeit im Beruf leisten und daher über die Verteilung von Haus- und Familienarbeit neu verhandelt werden muss.  Ein weiterer Vorteil ist für mich auch die größere Unabhängikeit von nur einem Arbeitgeber.   Man kann mit 2 vollen EK  deutlich eher sagen:  „Das muss ich mir nicht bieten lassen“ und sich in Ruhe eine neue Arbeit suchen, wenn der Partner auch in der Lage ist die Fixkosten zu tragen.

Aber auch Vollzeitarbeit hat natürlich Nachteile:

1) Man braucht eine wirklich gutes und zuverlässiges Betreuungsnetz in dem sich die Kinder wohl fühlen und das seine Aufgaben auch wirklich dauerhaft und verlässlich erfüllt.  Betreuungsplätze die 45 Stunden zu den benötigten Zeiten abdecken sind schwierig zu finden und durch Fahrzeiten häufig nicht allein ausreichend.  Hier kommen dann wieder Tagsmütter, Au-Pairs oder Omas ins Spiel.

2) Wenn mann nicht genug verdient um sich externe Entlastung (Putzfrau, Bügelservice, Babysitter ….) zu leisten ist es eine enorme Belastung eine volle Stelle + Hausarbiet (egal ob 50/50 oder 100%) + Familienarbeit zu leisten.

3) Die Familie hat in der Regel einen sehr strukturierten Alltag und die Kinder müssen sich dem Arbeitzeiten der Eltern anpassen.  Das bedeutet unter der Woche wenig Zeit für Familienleben am Nachmittag.

4) Es wird einem häufiger von Kolleginen ein schlechtes Gewissen gemacht, das Frau so egoistisch ist und nur weil ihr Rente,  Absicherung, Unabhänigkeit und Spaß an der Arbeit auch wichtig sind ihre Kinder in eine Betreuung „abschiebt“.

Mich würde interessieren wie  andere Mütter zu dieser Frage stehen und welche Aspekte für euch bei der Entscheidung eine Rolle gespielt haben.

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2 Antworten to “Vollzeitarbeit versus Teilzeitarbeit”

  1. ela Says:

    Ich habe nach der Geburt unserer Großen erst 1 Jahr Teilzeit gearbeitet (jedoch mit 80% trotzdem relativ viel) und war danach noch 1 Jahr Voll bis zur Geburt unseres Sohnes.

    Diese 20% haben sich jedoch deutlich bemerkbar gemacht im Alltag. Bei der Arbeit hat sich das dagegen kaum bemerkbar gemacht. Zwischen 80 und 100% ist ein Gehaltsunterschied aber von der Menge an Arbeit, die man mehr ‚wegschafft‘ ist nicht sehr viel zu spüren. Man macht eindeutig mehr Pausen bei der Arbeit. Da wo ich nach 6 Stunden Arbeiten gedacht habe, die 20 Minuten mache ich noch durch, dann gehts heim, kommt bei der Vollzeitstelle doch eine kurze Verschnaufpause, weil man sonst den restlichen Tag nicht durchhält.

    Dafür habe ich aber während der Teilzeit ein gemütliches Stundenpolster aufgebaut und konnte bei Bedarf (Kind krank; Erledigungen, Einkauf) darauf zurückgreifen.
    Ich konnte auch mal eben einen Tag frei nehmen um im Haushalt etwas zu schaffen. Die Flexibilität hat unter der Vollzeitstelle gelitten.

    Es wird also bei mir so sein, dass ich wieder versuchen werde, auf 80% Teilzeit runterzugehen. Ob und wie das gehen wird, wird sich dieses mal erweisen müssen, da sich meine Aufgaben um den Punkt Mitarbeiterführung erweitert haben. Aber noch ist meine Elternzeit nicht rum und noch hat mein Sohn auch keinen Krippenpatz.

    • aupairfamilienrw Says:

      Ela

      Die Flexibilität durch Überstunden und Abfeiern nach Bedarf klingt für mich auch sehr attraktiv. Das ist einer der wenigen Nachteile als Lehrerin. Ich kann leider nie spontan frei nehmen und daher habe ich dieses Argument nicht bedacht. Danke für deinen Hinweis 🙂

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